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Apelles und der Schuster

Für die Darstellung von Apelles und dem Schuster an der südwestlichen Wand lieferte ebenfalls Plinius die Vorlage. Nach dessen Erzählung pflegte der griechische Maler Apelles nach Fertigstellung eines Werkes dieses einem breiten Publikum zu präsentieren, um dessen Meinung zu hören, denn nach Ansicht des Malers konnte das Urteil gerade von nicht sachverständigen Betrachtern viel Richtiges enthalten. Er selbst hielt sich in solchen Momenten versteckt, um niemanden durch seine Anwesenheit zu beeinflussen. Eines Tages kam ein Schuster und kritisierte die Darstellung eines Schuhs in einem Gemälde. Apelles, der die Kritik für berechtigt hielt, überarbeitete daraufhin sein Bild. Am nächsten Tag kam der Schuster erneut. Erfreut, dass der Maler seinen Einwand ernst genommen hatte, übte er nun auch Kritik an der Malweise eines Beines. Darüber erzürnt, trat Apelles aus seinem Versteck hervor und strafte den Schuster mit den bis heute sprichwörtlich gebliebenen Worten: „Ne sutor ultra crepidam“ ("Schuster, bleib bei deinen Leisten“). Die an intellektuellen und praktischen Erfahrungen geschulte Urteilskraft („giudizio“), auf die diese Geschichte anspielt, nimmt in der Kunsttheorie Vasaris eine wichtige Rolle ein. Sie dient dem Künstler als Selbstkontrolle, mit deren Hilfe allzu freie Einfälle vermieden werden sollen. Dabei spielt jedoch auch die Frage des individuellen Geschmacks eine Rolle. Nur wahre Kenner von Kunst werden, so Vasari, dank einheitlicher Bewertungskriterien zu einem übereinstimmenden Urteil gelangen.

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