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Der Ursprung der Kunst

Zur Linken des mächtigen Kamins an der Nordwestwand der Sala Grande ist ein kniender Jüngling dargestellt, der beim Schein einer Lampe die Konturen seines Schattens an der Wand nachzeichnet. Vasari selbst liefert den Schlüssel zur Deutung dieser Szene in seiner Vorrede zu den „Lebensbeschreibungen“, in der eine lange Passage der Frage nach dem Ursprung der Kunst gewidmet ist: Mit Bezug auf den antiken Autor Plinius und dessen „Historia naturalis“ berichtet er von dem Lydier Gyges, der am Feuer sitzend seinen eigenen Schatten betrachtet und diesen dann, einer inneren Regung folgend, mit einem Stück Kohle auf der Wand festgehalten habe. Somit steht für Vasari, der Gyges in seiner Interpretation des Plinius-Textes zum ersten Künstler stilisiert, am Anfang der Kunst ein narzisstisch motiviertes Selbstporträt, das aus einer spontanen Neigung zur künstlerischen Arbeit heraus geschaffen wurde. Jedoch betrachtet Vasari die zeichnerische Tätigkeit des Lydiers nicht nur als Ausgangspunkt der Malerei, sondern als gemeinsame Grundlage aller Künste. Dieses anspruchsvolle Konzept des „disegno“ (Zeichnung, Entwurf), das sich durch das gesamte kunsttheoretische Werk Vasaris zieht, hatte seine Umsetzung nicht zuletzt 1563 in der Gründung der „Accademia del Disegno“ in Florenz gefunden, an der Vasari wesentlich beteiligt war und die als eine der ersten Künstlerakademien Europas angesehen werden kann.

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