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St. Ursula-Zyklus von Vittore Carpaccio

Unter dem fotografischen Nachlass Gustav Ludwigs befinden sich sieben Aufnahmen, die das Holzmodell eines Innenraumes zeigen, dessen Wände im oberen Teil vollständig von Gemälden bedeckt werden. Wie aus einigen der Bildunterschriften hervorgeht, handelt es sich dabei um Ludwigs Rekonstruktionsversuche von Vittore Carpaccios Ursula-Zyklus in der Kapelle der Scuola di Sant‘Orsola in Venedig, die 1806 aufgelöst worden war. Die Gemälde waren in die Accademia gebracht worden, wo man sie 1895 unter der Leitung des damaligen Direktors Giulio Cantalamessa in einem oktogonalen Raum neu präsentierte. Ludwig, der mit der Sequenz der dortigen Hängung nicht einverstanden war, unterbreitete mit dem Historiker Pompeo Molmenti einen Gegenentwurf, den sie 1903 erstmals veröffentlichten. Zur Visualisierung und argumentativen Bekräftigung ihrer These, die v.a. auf den Lichtverhältnissen in der Kapelle und auf der Bewegungsrichtung der Betrachter im Raum basierte, fertigte Ludwig, vermutlich in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Tomaso Filippi, wenig später ein Holzmodell der Kapelle an, an dessen Wänden fotografische Abbildungen der Gemälde in der von ihm vertretenen Reihenfolge befestigt wurden. Wie sich anhand der drei Albuminabzüge (Inv. 87152, 87153, 87154) rekonstruieren lässt, wurde das Modell nun aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen. Diese Negative bildeten wahrscheinlich den Ausgangspunkt für die Silber-Gelatine-Abzüge, die in einem zweiten Schritt von einem bisher unbekannten Zeichner mit Bleistift, Tusche und Feder um die im Modell fehlenden architektonischen Details ergänzt wurden (Inv. 59348, 59349, 64280, 64279). Diese Abbildungen fanden schließlich Eingang in die große Carpaccio-Monographie, an der Ludwig gemeinsam mit Molmenti arbeitete, die aber erst 1906 postum erscheinen konnte.

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